… und ein Plädoyer für Adina!

liebestrank

Alle Jahre wieder: Diesem Motto zufolge haben Maestro Khalatbari und ich nun Ende Jänner und Anfang Feber im Rahmen der diesjährigen Vorsingtermine erneut die Möglichkeit gehabt, zahlreichen jungen und talentierten SängerInnen aus vielen verschiedenen Ländern zu begegnen, welche sich um die diversen Solopartien der Donizetti’schen Opera buffa »L’elisir d’amore« beworben hatten. Dank der umsichtigen Koordination durch unsere Produktionsleitung Mag. Eva Drnek gelang es uns, die BewerberInnen in einer angenehmen und entspannten Atmosphäre empfangen zu können, wodurch auch die jungen KünstlerInnen unter optimalen Bedingungen ihr Können präsentierten bzw. zu unserer Freude unter Beweis stellen konnten.

Die große Schar an Adinas (!!!), Nemorinos, Belcores und Dulcamaras wurde auch dieses Jahr von der italienischen Pianistin Eliana Morretti sensibel, kollegial und sehr hilfsbereit am Flügel begleitet.

Das Vorsingen ist nicht nur eine Art obligatorische Bewährungsprobe und regelmäßige »Prüfungssituation« für die BühnenkünstlerInnen, sondern man erlebt auch als Regisseur oft die Situation, dass man am liebsten doch viel mehr SängerInnen nehmen würde, als es Rollen zu besetzen gibt… Also, die Qual der Wahl! J

Ähnlich wie im Verlauf früherer Vorsingen der letzten Jahre für die jeweilige Opernproduktion des KlassikFestivals Schloss Kirchstetten, konnte man auch dieses Jahr folgende erfreulichen Tendenzen beobachten: Unsere BewerberInnen kamen nicht nur aus dem gesamten europäischen Raum, sondern sogar auch von Übersee und dem Fernen Osten. Zahlreiche junge SängerInnen brachten nebst hervorragenden vokalen und musikalischen Fähigkeiten auch viel schauspielerisches bzw. darstellerisches Talent inkl. Spielfreude und Offenheit mit – also ein willkommenes Fressen für einen jeden Opernregisseur…

In puncto Theater- und Bühnenerfahrung hatten wir auch diesmal BewerberInnen nicht nur aus der bunten und interessanten internationalen freiberuflichen Musiktheaterszene, sondern auch von zahlreichen etablierten und namhaften Opernhäusern und Mehrspartenhäusern Europas wie beispielsweise der Deutschen Oper Berlin, Tschechische Nationaloper Prag, Erkel Theater der Ungarischen Staatsoper Budapest, Gärtnerplatztheater München, Opernhaus Graz, Landestheater Linz, Landestheater Salzburg usw. Eine Tatsache, die es einmal mehr unterstreicht, dass das KlassikFestival und dessen szenische Opernproduktionen und Veranstaltungen bereits im europäischen Kreislauf der Opern- und Festivalszene nicht nur erfolgreich angekommen, sondern mittlerweile darin fest verankert sind. Auch die Zahlen der eingelangten Anmeldungen sprachen eine klare Sprache, die das rege Interesse an unserem Festival ebenfalls bestätigten, denn wir erhielten dieses Jahr insgesamt mehr als 200 Bewerbungen und es wurden dann – nach einer ersten gezielten Vorauswahl seitens des künstlerischen Leitungsteams – knapp 90 SängerInnen zum Vorsingen nach Wien eingeladen. Es zählt auch zu den Kirchstettner Besonderheiten, dass wir ohnehin sehr gerne auch interessante Talente OHNE die Unterstützung oder Vetretung durch eine Künstler- bzw. Opernagentur zum Vorsingen einzuladen pflegen, was innerhalb der Opernszene des deutschen Sprachraums mittlerweile eine ziemliche Rarität darstellt. Somit erhalten zahlreiche talentierte OpernsängerInnen Jahr für Jahr die Möglichkeit, auch ohne Förderung einer einflußreichen Agentur an ein Vorsingen zu kommen und sich ggf. anschliessend in einer musikalisch und szenisch komplett erarbeiteten Rolle dem Publikum präsentieren zu können.

In Bezug auf die Statistik lässt sich desweiteren festhalten, dass die meisten Bewerbungen und Anmeldungen naturgemäß für die Partie der Adina eingelangt sind… Sehr viele junge und talentierte Sängerinnen wollten uns für diese Partie vorsingen: Eine hybride Partie, die keineswegs dem Fach der Donizetti’schen Bravourkoloratur à la Lucia oder dem neckischen und primär süßen oder sogar auch frechen Rollenfach einer Koloratursoubrette wie beispielsweise Norina zuzuordnen ist. Eine Partie – die meiner Meinung nach – viel zu unrecht im Schatten der allseits beliebten Tenorpartie des Nemorino zu stehen scheint. Woran liegt es wohl? Dass Donizetti wie auch seine berühmten Vorgänger oder Komponisten-Kollegen (Bsp. Mayr, Rossini, Bellini etc.) aus der Ära des italienischen Belcanto beim Komponieren stets die vokalen Fähigkeiten und den Klang bestimmter und von ihnen persönlich präferierten SängerInnen im Ohr hatten, so dass sie ihre Kompostionen jeweils für diese »maßgeschneidert haben« gilt als musiktheaterwissenschaftliches Allgemeingut. Fakt ist aber, dass die meisten Gesangspartien aus den Epochen des italienischen Belcanto und der französischen Grand opéra [Anm. Beide Stilepochen galten als besondere Blütezeit des primären Ziergesangs und der nicht immer und auschließlich dem Ausdruck dienenden puren Kehlkopfakrobatik…] im Verlauf der Zeit und gemäß der Stilistik und Tradition durch ihre InterpretInnen und deren Virtuosität nicht nur teilweise bis zur Unkenntlichkeit verändert, sondern oftmals sogar aufgewertet worden sind: Es genügt lediglich ein kurzer Blick in die Klavierauszüge dieser Werke und der Besuch einer aktuellen Aufführungsfassung aus diesem Repertoire, um zu erkennen, dass die vom Komponisten in der Partitur (=Klavierauszug) festgelegten »nackten« Gesangspartien sich stark davon unterscheiden, was das Publikum letztendlich auch in einer gegenwärtigen Aufführung oder auch auf einem Tonträger zu hören bekommt. Woran liegt es? Die bereits erwähnten Gesangsvirtuosen der damaligen Zeit waren geradezu aufgefordert bzw. sogar auch herausgefordert, diese Gesangspartien mit ihren eigenen hochvirtuosen und teilweise auch extrem ausgedehnten Koloraturkaskaden (=Kadenzen) zu ergänzen. Es begann also ein bitterer[?] Wettstreit – insbesondere – unter den großen Diven (Bsp: Isabella Colbran, Giuditta Pasta, Maria Malibran, Giulia Grisi, Jenny Lind, Adelina Patti etc.) dieser Zeit, welcher von solchen kräftigen Attributen wie beispielsweise »höher, virtuoser, brillanter, lauter und exzentrischer« geprägt wurde… The Golden Age of Belcanto wurde eingeläutet!

Diese Tendenzen wurden zwar auch oftmals im 20. Jahrhundert von namhaften Belcanto-Pionierinnen und Spezialistinnen wie beispielsweise Lily Pons, Maria Callas, Joan Sutherland, Karola Ágai, Beverly Sills, Cristina Deutekom, Anna Moffo, Luciana Serra, Edita Gruberová etc. fortgefüht, wobei der künstlerische Ausdruck und die dramaturgisch begründete bzw. unterstützte Charakterstudie einer jeden Belcantorolle einen neuen, zeitgemäßen und zurecht geforderten Tiefgang und interpretatorischen Schwerpunkt erfuhren. All diese Interpretinnen überzeugten nicht nur durch ihre primär ausserordentlichen vokalen Fähigkeiten, sondern auch durch ihre eigenständige und stets stilsichere Ornamentierungstechnik: Es überrascht also überhaupt nicht, wenn man in der nationalen und internationalen Musiktheaterpraxis auch heute noch u.a. von sog. Lily-Pons-Kadenzen, Sutherland-Triller oder Ágai-Glissando zu sprechen pflegt.

Diese musiktheaterhistorisch begründete Tradition führt im Sinne einer modernen Sängerdarstellerin samt technisch bestens geschulter Stimme u. a. die schweizerische Sopranistin rumänischer Herkunft Elena Moșuc fort, die über einen voluminösen, durchschlagskräftigen, ausgeglichenen und virtuosen Dramatischen Koloratursopran verfügt, somit stellt sie oft zurecht eine erste Wahl für div. Belcantoheldinnen in der Liga der gegenwärtig gefragtesten Belcantospezialistinnen dar.

Nach diesem kurzen Exkurs zu den Themenbereichen: Belcanto, Belcantostilistik, Tradition, Rezeptionsgeschichte und Aufführungspraxis taucht aber die gerechtfertigte Frage auf: »Ja, schön und gut… aber was hat all das mit Adina zu tun…?!«

…DAS erfahren Sie im nächsten Blogbeitrag. 😉

(CSN)