In der aktuellen Phase der immer intensiver und konkreter werdenden Vorbereitungen zu W.A. Mozarts dramma giocoso Don Giovanni für das diesjährige KlassikFestival Schloss Kirchstetten möchte ich nun als Opernregisseur einen letzten und resümierenden Blick auf die Opernproduktion des vergangenen Festivalsommers, G. Verdis tragische Oper Rigoletto werfen… victor_hugo

Rigoletto

Zweifelsohne gehört Verdis Dreiakter zu den meistgespielten Opern der internationalen Musiktheater- bzw. Opernszene, da Rigoletto ja alles beinhaltet, womit man die beliebtesten Opernwerke der italienischen Opernromantik zu identifizieren sucht: Ein herrlicher und raffiniert-abwechslungsreicher Melodienreichtum, wodurch auch der zurecht eher pejorativ besetzte Begriff »Gassenhauer« in eine komplett andere Dimension katapultiert wird, sujetbezogene Schauerromantik, packende Dramatik, herzergreifende lyrische Momente und zu guter Letzt äusserst anspruchsvolle, aber zugleich auch herrliche Gesangspartien für sämtliche Solistinnen und Solisten dieses Werks!

Nun stellt sich aber die Frage, wie nähert sich der Opernregisseur diesem fantastischen Bühnenwerk, der bislang eher den Ruf hatte, »für das heiter-lustige Fach prädestiniert zu sein«, wenn es zugleich auch sein Debut in Bezug auf das große, dramatisch-tragische italienische Fach darstellen soll…(?) Reicht es allein, wenn er sich mit der Musik G. Verdis anhand des Klavierauszugs und div. Tonträger, dem Libretto F. M. Piaves und dem ursprünglichen Versdrama V. Hugos, sowie auch spannenden Werken aus dem Bereich Sekundärliteratur, Rezeptionsgeschichte und Aufführungspraxis gründlich auseinandersetzt? All diese Kriterien können zwar einer möglichst fundierten (theoretischen) Vorbereitung des Sujets und der szenischen Arbeit dienen, dennoch braucht Rigoletto als beliebte Sänger-Oper erstklassige Sänger-Darstellerinnen und Darsteller, die nicht nur musikalisch-vokaler Natur in der Lage sind, Verdis vielschichtige Gesangspartien adäquat und glaubwürdig auf die Bühne zu bringen bzw. musikalisch zu interpretieren, sondern auch dazu fähig sind, im intimen Rahmen des winzigen Schauplatzes im Schloss Kirchstetten, Bühnencharaktere plastisch, suggestiv und souverän zu verkörpern. Die Sängerinnen und Sänger stehen auf der Bühne des »Kleinsten Opernhauses Österreichs« bekannterweise nicht nur mit ihren eigenen Bühnenpartnerinnen und Partnern, sondern auch mit unserem Publikum stets in direkter oder indirekter Interaktion. Diese Sängerpersönlichkeiten sind freilich der eindeutige Schlüssel bzw. das unerlässliche Fundament zum Erfolg einer jeden Opernproduktion und Regiearbeit. Es hilft einem Opernregisseur herzlich wenig, wenn er zwar in der Theorie (hoffentlich!) bestens vorbereitet und gewappnet in die erste szenische Probe geht, dort aber ein Solistenensemble vorfindet, welches weder stimmlich, noch darstellerisch seinen Aufgaben gewachsen zu sein scheint und dadurch keinerlei gegenseitige Inspiration entstehen oder wachsen kann… Ohne ein vorwärts laufendes und gegenseitig isnpirierendes, permanentes Ping Pong Spiel zwischen den Bühnendarstellern und der szenischen/musikalischen Leitung ist es unmöglich, eine kreative, zeitgemäße und hoffentlich auch spannende und interessante Aufführung zu erarbeiten. Aus diesem Grund bin ich besonders dankbar dafür, dass ich bei meiner allerersten Inszenierung eines tragischen Musiktheaterstücks ein dermaßen talentiertes, inspiriertes, spielfreudiges und enthusiastisches Ensemble zur Verfügung hatte.

Ein Rezept

spaghetti_2992234Aber wie kam es zustande? Wie »kocht« man denn eine italienische Oper, was sind denn die kleinen, aber zugleich auch unerlässlichen Kochgeheimnisse und Zutaten, die unserem Rigoletto vom letzten Jahr zu großem Erfolg beim Publikum und der Fachpresse verholfen haben?

Man nehme also zuallererst einen sehr guten und erfahrenen italienisch geschulten Bariton für die Titelpartie. Ján Ďurčo, Solist der Slowakischen Nationaloper Bratislava – ein erfahrener Verdi-Bariton seiner Generation, der neben seinen zahlreichen Verdi-Interpretationen auch als international gefragter Interpret vieler Fachpartien eines Lyrischen –und Kavaliersbaritons gilt. Er brachte neben seinen profunden stilistischen Kenntnissen und Erfahrungen sehr viel Spielfreude, Neugierde und Körpereinsatz mit und bescherte uns eine reife, eindringliche und erschütternde Charakterstudie des gebrochenen Hofnarren Rigoletto. Die fruchtbaren Diskussionen und Unterhaltungen mit Ján während der szenischen Proben zählten für mich persönlich zu den aufregendsten und spannendsten Momenten der ganzen szenischen Arbeit!

Ebenfalls aus der Slowakei, wurde die ansonsten zuvor hauptsächlich auf italienischen Bühnen tätige Mária Taytáková, Lyrischer Sopran mit Koloraturfähigkeit, für die Partie der Gilda verpflichtet. Eine Sängerin, eine Stimme, die zum Glück ganz und gar nicht den leeren, rollenspezifischen Klischés und leerer bzw. fälschlicher Süße dieser Partie entsprechen sollte… Mária bot eine derart komplexe und ausgereifte Gesamtdarbietung der Gilda, wie es oft auch in den Kritiken zurecht angemerkt wurde: »Es ging unter die Haut!« Ihre szenische Darstellung der blinden Gilda rief bei uns, den anderen Mitwirkenden des Stücks, sogar auch bei den szenischen Proben oftmals und ganz spontan Gänsehaut hervor.

(Als konzertante Gilda der besagten Aufführungsserie stellte sich zusätzlich auch die junge Ungarin Zita Szemere, Lyrischer Koloratursopran, unserem Publikum mit großem persönlichen Erfolg vor. Aufgrund ihrer überzeugenden und souveränen Leistung als Einspringerin entschloss sich das künstlerische Team des Festivals, Zita Szemere für die diesjährige Don Giovanni-Produktion in der Partie der Zerlina zu verpflichten.)1017078_555430094493835_1643461892_n

Gergely Boncsér, der junge, temperamentvolle und äusserst spielfreudige Lirico spinto-Tenor von der Ungarischen Staatsoper Budapest gab in Kirchstetten sein Bühnendebut als Duca di Mantua in unserer Rigoletto-Serie.

In den wichtigen und spannenden Charakterrollen des Stücks boten Gelu Dobrea als Signore Maledezione (Monterone und Sparafucile) mit sonorem Baß, Etelka Polgár als Madama Destino (Contessa di Ceprano, Giovanna und Page) eine unheimliche, unheilträchtige und beinahe angsteinflössende permanente szenische Präsenz, wie auch Jaroslava Pepper mit ihrem silbrig-sinnlichem und warm timbrierten lyrischen Alt eine sensible, fühlende und jedoch nie billig-vulgär wirkende Maddalena darstellte.

Unser Ensemble wurde desweiteren auch durch die spielfreudige und publikumswirksame Mitwirkung der Comprimarii Josef Pepper (Conte di Ceprano), Patricio Ramos-Pereira (Marullo) und Hans-Jörg Gaugelhofer (Borsa) bestens abgerundet.

Mein spezieller Dank gilt auch rückblickend den Mitgliedern des Wiener Kammerchors, die zum großen Erfolg unseres Rigolettos ebenfalls sowohl musikalisch, als auch szenisch maßgeblich beigetragen haben!

Die musikalische Leitung der Produktion lag in Maestro Hooman Khalatbaris versierten Händen.

Angesichts dieser wunderbaren Zutaten gelang es mir als Regisseur, ein gelungenes Menü zu »zaubern« und eine erste Bewährungsprobe im tragisch-dramatischen Fach zu bestehen, bevor es dieses Jahr wieder mit dem bereits erwähnten Don Giovanni in Kirchstetten für mich weitergehen soll.

Auch in diesem Jahr möchten wir Sie, verehrtes Publikum mit einer spannenden und interessanten Opernaufführung mit internationaler Besetzung in Kirchstetten erwarten!

(csn)

 

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