IN MEMORIAM… UND KLASSIK-DISCO (TEIL 3) Mittwoch, Nov 11 2015 

Portrait Lucia Popp © Opera News

Portrait Lucia Popp © Opera News

Warum neigen wir Menschen dazu, große und bedeutende Künstlerpersönlichkeiten vergangener Tage immer nur dann gebührend und von medialem Interesse begleitet, zu feiern, wenn sie irgendein rundes Jubiläum begehen – sei es nun ein posthumer Geburtstag oder ein Todestag? Nun liebe Leserinnen und Leser, sie haben es richtig erkannt: Dieser Blogeintrag vom KlassikFestival Schloss Kirchstetten handelt diesmal ausnahmsweise nicht von bestimmten festivalrelevanten Angelegenheiten oder programmatischen Ankündigungen, sondern wir widmen uns dem Andenken einer großartigen Künstlerin und einer der bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts, der vielzu früh verstorbenen österreichischen und bayerischen Kammersängerin, Lucia Popp, deren Geburtstag (12. November 1939), sowie auch Todestag (16. November 1993) diese Tage wiederkehren…

Von einer blanken Aufzählung div. Lebens- und Lexikaldaten der Sängerin möchte ich Sie sehr gerne verschonen, da es sowieso ein fantastisches, umfangreiches und mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltetes Erinnerungsbuch unter dem Titel Lucia von Dr. Ursula Tamussino [Anm. Barylli Verlag, Wien] gibt, welches nichts an seiner Aktualität, Qualität und seinem Anspruch  – trotz der vergangenen Jahre seit seiner Erstveröffentlichung 1999 – eingebüßt hat!

Tamussino_Erinnerungen_Lucia

 Das einstige Wundertier – so nannte spontan die verblüffte und gleichermaßen faszinierte Ks. Elisabeth Schwarzkopf ihre jüngere Kollegin bei einer ersten Begegnung im Zuge der Aufnahmesitzungen der als mittlerweile legendär geltenden »Die Zauberflöte«-Gesamtaufnahme (EMI / Warner) unter dem Dirigat von Otto Klemperer – galt als stets stilsichere Alleskönnnerin ihrer Generation.

© EMI /Warner Classics

© EMI /Warner Classics

Es gab kaum ein Genre (Epoche), in welchem sich Lucia Popp während ihrer Karriere nicht mit Erfolg ausprobiert hätte: sie war nicht nur eine erstklassige Opern– und Operettensängerin, nein, sie war überdies auch eine der gefragtesten Interpretinnen des Fachs Lied– und Oratorium innerhalb ihrer künstlerischen Generation.

(Dass sie vor ihrem Gesangsstudium Schauspiel studierte, kam ihr nicht nur in ihren ersten Filmrollen als Schauspielerin der damaligen Tschechoslowakei zugute, sondern auch später als gefeierte Opern- und Operettendiva, denn sie wirkte auch in zahlreichen Opern- und Operettenverfilmungen mit.)

Worin liegt das Geheimnis Lucia Popps, dass sie nicht nur als vom Publikum heute noch heißgeliebte, verehrte herausragende Opern- und Konzertsängerin des 20. Jahrhunderts in Erinnerung geblieben ist, sondern sogar auch als hochgeschätztes Vorbild neuerer bzw. gegenwärtiger Sopran-Generationen gilt? (Wie oft hört man etwa in Vorsingen oder persönlichen Gesprächen mit jungen Sängerinnen, dass Lucia Popp nach wie vor zu ihren größten und wichtigsten Vorbildern gehöre, obwohl Popp selbst nie einen übertriebenen Starkult und den damit verbundenen und unerträglichen Hype bzw. PR-Hysterie mancher gegenwärtigen Stars und Sternchens benötigte, um zu den Besten ihrer Generation zu gehören: der Name Lucia Popp galt schon immer als Garant und Markenzeichen für einzigartige und künstlerisch herausragende Interpretationen.)

Sind es neben ihrer angeborenen Stimmschönheit, ihren technisch perfekten vokalen Fähigkeiten, ihrem Charme bzw. Esprit, sowie ihrem schauspielerischen Talent auch jene Attribute wie beispielsweise ihre Natürlichkeit, Wärme und ihr Ausdruck – fernab von jeglichen antiquierten, klebrig-süßen zuckerwatte-rosaroten Manirismen und Unehrlichkeiten (!) div. zahlreicher Fachkolleginnen, die Lucia Popps Interpretationen auch heute noch so dermaßen glaubwürdig, frisch, zeitgemäß und ergreifend erscheinen lassen?

Lucia Popps Stimme verfügte aber neben den o.a. Attributen auch über ein sehr persönliches (silbriges) Timbre voller Wiederkennungseffekt. Eine Gabe, eine Fähigkeit, die man nicht erwerben oder erlernen kann. Wie ihre Biografin Dr. Ursula Tamussino dies stets zu betonen weiß:

»Man braucht nur das Radio aufzudrehen und wenn man es im Vorfeld nicht wußte, wer da gerade singen würde, erkennt man Lucias jubelnde und strahlende Stimme trotzdem gleich nach dem ersten Ton!«

Dass Lucia Popp während ihrer Karriere mindestens zweimal das Fach komplett und erfolgreich gewechselt hat, gilt ja in Opernkreisen als Allgemeingut: die frühen 60er bis 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts standen im Zeichen ihrer Interpretationen aus dem Fach eines Lyrischen- bzw. Bravourkoloratursoprans. In dieser Zeit hat sie auch einige wichtige Fachpartien einer Koloratursoubrette und eines Spielsoprans erfolgreich verkörpert. Ab den frühen 80ern widmete sie sich immer mehr den großen Fachpartien eines Lyrischen Soprans. Zu diesem Repertoire fügte sie dann sukzessive ab Mitte der 80er Jahre auch einige bedeutende Rollen eines Jugendlich-dramatischen Soprans hinzu und galt stets als weltweit gefragte Interpretin insbesondere der großen Mozart und. R. Strauss-Rollen.

Am Anfang dieser beispiellosen Karriere stand ja Mozarts Sternflammende Königin, ein Prüfstein für einen jeden Koloratursopran und am Ende stand – nach den goßen Erfolgen im jugendlich-dramatischen Fach – ebenfalls eine weitere fordernde, dramatisch-virtuose und komplexe Mozart-Partie: Vitellia aus »La clemenza di Tito«

An dieser Stelle lassen Sie uns mal bei Lucia Popps Schicksalspartie der Königin der Nacht bleiben und die Sängerin selbst dazu zitieren:

 »Die Königin der Nacht zu singen, das ist nicht wie ein Gang auf dem Seil, sondern wie ein Tanz auf dem Seil. Ich vermute, darum ist die Opernwelt voll von Sängerinnen, die diese Partie auf der Kostümprobe bringen, aber nicht am Abend der Aufführung selbst. Ich bewundere wirklich jene, die diese Rolle länger als zehn Jahre in ihrem Repertoire halten können.«

[Anm. Helena Matheopoulos, DIVA – Leben und Rollen großer Opernsängerinnen, Edition Musik & Theater / M&T Verlag]

Diva

Worin unterscheidet sich Lucia Popps Königin der Nacht-Interpretation von ihren großartigen und zeitgleich aktiven Kolleginnen in dieser Rolle? Während man etwa in der Interpretation von Karola Ágai eine dämonisch-majestätische, geheimnisumwobene überirdische Erscheinung samt blitzsauberem Koloraturfeuerwerk erleben konnte, wartete die holländische Sopranistin Cristina Deutekom mit einem metallischeren, volleren Klang und einer keinen Widerspruch duldenden Attitüde auf. Ihre Textbehandlung war ganz ausgezeichnet. Allein wie sie das Wort »Sarastro« in der Rachearie ihrer Pamina entgegenschleudert, klingt wie ein Dolchstoß! Einer wahren und alles verwüstenden Vulkaneruption kam hingegen Edda Mosers Interpretation der Sternflammenden Königin gleich und sie eröffnete dadurch komplett neue Interpretationswege dieser Partie, die sonst leider viel zu oft den leichtstimmigen und substanzarmen Kanarienvögeln namens Koloratursoubretten zum Opfer fiel bzw. auch heute noch oftmals zum Opfer fällt…

Lucia Popp zeigt uns in der bereits erwähnten Gesamtaufnahme unter der Leitung von Otto Klemperer (EMI / Warner) eine jugendlich frische, lebendige Königin der Nacht! Sie ist kein Dämon oder hysterische Furie im klassischen Sinne, sondern eine junge (alleinerziehende?) Mutter, die um jeden Preis und verzweifelt um ihre Ideale zu kämpfen versucht, auch wenn diese falsch sein mögen… Diese nicht nur virtuose und funkelnde, sondern auch ehrliche Rolleninterpretation öffnete Lucia Popp auch die Türen der großen internationalen Opernhäuser. So gab sie 1967 in einer von Marc Chagall ausgestatteten Neuproduktion von »Die Zauberflöte« ihr Hausdebüt an der New Yorker MET.

Popp_Zauberflöte

Lucia Popp als Königin der Nacht (New Yorker MET / Ausstattung: Marc Chagall)

Nach ihrem gelungenen Fachwechsel kehrte sie 1981 erneut an die MET zurück, um in der Derniere der besagten Produktion nun die Partie der Pamina zu verkörpern.

Eine facetten- und erfolgreiche Karriere, viele Gesichter, zahlreiche Bühnencharaktere und eine vielzu früh verstummte Ausnahmestimme! Eine Stimme, die zum Glück zum Höhepunkt der LP und der anschliessend florierenden CD-Ära sehr vielseitig und zahlreich dokumentiert wurde. Viele dieser Aufnahmen sind entweder gegenwärtig noch auf Tonträger erhältlich oder dank dem Internetportal YouTube online einsehbar, um Lucia Popps künstlerisches Vermächtnis auch der Gegenwart näher zu bringen.

Lucia Popp fand ihre letzte Ruhestätte am Friedhof Slávičie údolie (dt. Tal der Nachtigall) in Bratislava.

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Am Endes dieses Blogeintrags möchte ich nun erneut Mozart, aus seinem Singspiel »Zaide« zitieren: »Ruhe sanft…«

Ruhe in Frieden, Lucia!

(Cs.N.)

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WINTERZEIT, BELCANTO-DIVEN UND KLASSIK-DISCO (Teil 2) Mittwoch, Nov 4 2015 

Die 1994 entstandene Studioaufnahme der Plattenfirma RCA / Sony Music (Katalognummer: 88697856542) unter dem Dirigat von Roberto Abbado ist nicht nur die jüngste Einspielung in dieser Aufzählung, sondern sie verfügt über eine Besetzung, deren Mitwirkende teilweise auch heute noch zu den aktiven Bühnenstars der internationalen Opernszene zählen! Insbesondere die tiefen männlichen Partien wurden hier mit erstklassigen Kräften besetzt: So erlebt man den großartigen italienischen Bariton, Renato Bruson in der Titelpartie und den stets elegant klingenden und stilsicheren Thomas Allen als Dottore Malatesta. Der zum Zeitpunkt der Aufnahme noch sehr junge Tenor Frank Lopardo zählt zweifelsohne auch heute noch zu den gefragtesten Tenorsolisten der MET in Bezug auf das lyrische Fach. Ebenfalls eine damalige talentierte und junge »Opernnovizin« der Szene bekam die Möglichkeit, sich an der Seite dieser vornehmen Gesellschaft von Herren als Norina zu präsentieren – Eva Mei, die ab den frühen 90ern des vergangenen Jahrhunderts, in der berühmten Ära des Intendanten Alexander Pereira, neben Elena Mosuc, Isabell Rey und Malin Hartelius nicht nur zu den berühmtesten und weltweit gefragtesten Sopransolistinnen des Opernhauses Zürich gehörte, sondern parallel verlaufend auch eine beachtlichte internationale Karriere aufweisen konnte. Die ansonsten stets stilsichere und intensiv agierende Sängerin bietet als Norina zwar eine solide Leistung, jedoch ohne den primär soubrettig angelegten Rahmen des Charakters sprengen oder diesen neu definieren zu wollen und erreicht somit keineswegs jene Intensität, zu welcher sie sonst etwa bei Liveauftritten zumeist imstande gewesen ist…

 

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(c) RCA / Sony Music

 

Nicht nur Weltstars vom Format einer Anna Netrebko oder in der Vergangenheit einer Beverly Sills, Lucia Popp und zuletzt Eva Mei feierten große Erfolge als Norina, sondern auch junge und aufstrebende Künstlerinnen der Opernszene treten in dieser vielschichtigen, virtuosen und dankbaren Opernpartie in Erscheinung. Eine dieser jungen und erfolgreichen Sängerinnen ist die junge rumänische dramatische Koloratursopranistin, Rodica Vica, die beim KlassikFestival Schloss Kirchstetten bereits als Donna Anna (2014) sowie auch als Konzertsolistin (2015) schöne persönliche Erfolge feiern konnte. Auf dem beiliegenden Livemitschnitt aus Bukarest (konzertante Aufführung) ist sie an der Seite des jungen, berühmten rumänischen Rossini-Tenors, Bogdan Mihai zu erleben.

Gute Unterhaltung und kuschelige Opernabende auch bei Ihnen zu Hause, liebes (künftiges) Publikum des KlassikFestivals Schloss Kirchstetten! 🙂

(Cs.N.)

WINTERZEIT, BELCANTO-DIVEN UND KLASSIK-DISCO (Teil 1) Sonntag, Nov 1 2015 

Kaum haben wir nun die aktuelle Zeitumstellung auf Winterzeit samt obligatorischem und lästigem »Mini-Jetlag« hinter uns gebracht, wird es uns einmal mehr klar, dass die Tage wieder kürzer, während die Nächte wesentlich länger werden… Was wäre also ein angenehmerer und schönerer Zeitvertreib an diesen langen und dunklen Abenden, als dass man sich in der gemütlich-warmen Wohnung mal zurücklehnt und je nach Lust und Laune bei einer Tasse heißem Tee oder einem Glas Rotwein ein bißchen klassische Musik gönnt…(?)

Lassen Sie uns nun einen kurzen und zugegebenermaßen sehr subjektiven Blick auf die Besetzungen der absolut reichhaltigen und vielschichtigen Diskographie der allseits beliebten Donizetti-Buffa Don Pasquale werfen – allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn dies würde schlicht und einfach den Rahmen eines normalen Blogeintrags in vielerlei Hinsicht sprengen! Aus diesem Grund seien die folgenden Passagen weder als detaillierte Opernkritik, noch als klare Kaufempfehlungen zu verstehen. Es sind lediglich die subjektiven Eindrücke und privaten Hörerlebnisse des Opernregisseurs, der für das KlassikFestival Schloss Kirchstetten 2016 – nach L’elisir d’amore als Bestandteil des Kirchstettner »Donizetti-Zyklus« – nun auch Don Pasquale erarbeiten darf. (Die dankbaren und berühmten Gesangspartien dieser entzückenden Oper dürfen beinahe aus keiner einzigen Repertoireliste führender Opernstars fehlen – so dass es einen keineswegs wundert, dass selbst Weltstars wie beispielsweise Anna Netrebko noch vor nicht allzu langer Zeit – in der Partie der Norina – wie ein temperamentvoller Wirbelsturm voller Witz und Spielfreude über die große Bühne der New Yorker MET, in der Inszenierung des Regiealtmeisters Otto Schenk, fegte…)

Wenn man die von mir ausgesuchten Aufnahmen in chronologischer Reihenfolge unter die Lupe nehmen möchte, so wird diese Reihe, von einer Aufnahme der Firma EMI (Katalognummer: 7243 5 66030 2 8) unter dem Dirigat der zwar als besonders streng geltenden, jedoch erfolgreichen und Belcanto-erfahrenen US-amerikanischen Dirigentin, Sarah Caldwell angeführt. Caldwells Ensemble lässt sich wie eine Art »Who’s who in Opera« lesen! In der Partie der kapriziös, temperamentvoll und schelmischen Norina ist hier keine geringere als »America’s Operatic Sweetheart« Beverly Sills zu hören.

Beverly Sills fügte zwar die Partie der Norina erst recht spät (1978) ihrer Operndiskographie hinzu, also erst ein paar Jahre vor ihrem eigentlichen Rückzug von der Bühne, dennoch liefert sie hier eine Leistung, die man von ihr – als ausgewiesene und weltweit zurecht gefeierte Interpretin der großen Belcanto-Primadonnenpartien – zurecht erwarten kann bzw. konnte. Als Sills’ besonders große Stärken sind hier u.a. ihr Spielwitz, Temperament und Enthusiasmus zu bewundern. Eine charmante und reife Belcantoprimadonna, die es am Ende ihrer Karriere hörbar genossen hat, nach all den ganzen tragischen und »wahnsinnigen« Belcantoheldinnen, endlich einen dermaßen dankbaren und witzigen Charakter verkörpern zu können! Sills’ Partner in dieser temperamentvollen Einspielung sind Donald Gramm (Don Pasquale) – die Karriere des US-amerikanischen Bassbaritons beschränkte sich, trotz großer Erfolge u.a. an der MET, lediglich auf die USA. In der Partie des Dottore Malatesta erlebt man den damals blutjungen Alan Titus. Der junge Bariton wurde in seinen Anfängen von Beverly Sills besonders gefördert. Der hier noch recht hell und tenoral klingende junge Sänger, konnte später nicht nur mit einer weltweiten Karriere aufwarten, sondern er hat sich im späteren Verlauf sogar auch die großen (deutschen) Heldenbariton-Partien von R. Wagner und R. Strauss erarbeiten können und auch mit diesen große Erfolge feiern können. Einen echten Co-Star listet diese Aufnahme jedoch in der Partie des Ernesto, indem man Alfredo Kraus am Zenit seiner Karriere für diese Einspielung verpflichten konnte. Kraus als führender Belcanto-Spezialist seiner Generation liefert hier selbstverständlich eine perfekte Belcanto-Darbietung ab. Etwas mehr Temperament – angesichts des Energie- und Temperamentbündels namens Beverly Sills – hätte ihm aber sicherlich nicht geschadet…

 

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(c) EMI-CD

 

Gerade ein Jahr später (1979) nach der obigen EMI-Aufnahme entstand in den Studios des Bayerischen Rundfunks für die Plattenfirma BMG / RCA (Eurodisc / Katalognummer: 352 884) unter dem Dirigat von Heinz Wallberg die wohl unorthodoxeste Einspielung von Don Pasquale! Die hochkarätige Besetzung listet aber die größten und wichtigsten Opernstars der 1970 – 90er Jahre: allesamt Opernstars noch im schönsten, echten und unveränderten Sinne dieses mittlerweile leider oftmals devalvierten Prädikats, also fernab von jeglicher medialer PR-Hysterie und aggressivem Hype restlicher Plattenfirmen… Warum diese Operneinspielung unter den Belcanto-Opernaufnahmen eher als unorthodox anzusehen ist, erklärt sich anhand der Besetzung: Ewgenij Nesterenko (Don Pasquale) der weltweit gefeierte seriöse Bass galt während seiner Bühnenkarriere in erster Linie als einer der besten Interpreten div. Verdi-Basspartien, sowie auch des seriös-dramatischen slawischen Repertoires. Der vielseitige Bariton Bernd Weikl – hier als schelmische Luxusbesetzung des Dottore Malatesta zu hören – zählte während seiner aktiven Laufbahn insbesondere zu den gefragtesten Interpreten des deutschen Fachs sowohl auf der Bühne, als auch im Konzertsaal – etwa auf dem Gebiet des Lied- und Oratoriumgesangs. Mit Francisco Araiza erlebt man jedoch auch hier den führenden Belcanto-Tenor seiner Generation! Obwohl Araiza seine größten Erfolge als Rossini-Tenor gefeiert hat, lag ihm auch die Partie des Ernesto natürlich ganz hervorragend. Die größte Überraschung dieser Besetzung dürfte wohl Lucia Popp als Norina darstellen! Obwohl die viel zu früh verstorbene und äußerst beliebte Sängerin während ihrer gesamten Karriere stets genreübergreifend (Oper, Operette, Lied- und Oratorium bzw. sogar auch div. Filmrollen!) tätig war, entstand diese Aufnahme jedoch in einer Phase ihrer Karriere, in welcher sie sich bereits von den Bravourkoloratursopran- (Stichwort: Königin der Nacht) und den Koloratursoubretten-Partien (etwa Adele und Oscar) erfolgreich verabschiedet hatte und sich nach diesem ersten gelungenen Fachwechsel vorwiegend den großen lyrischen Partien W.A. Mozarts und R. Strauss’ gewidmet hatte. Lucia Popps rundere, wärmere und lyrisch fundierte Stimme blüht, funkelt und leuchtet in den Läufen der Norina regelrecht auf. Sie verzichtet zwar auf wahnwitzige Extrakadenzen und interpolierte Spitzentöne in stratosphärischer Lage, dennoch erlebt hier der Zuhörer eine vollwertige, kapriziös-temperamentvolle und v.a. eine sehr liebenswürdige Interpretation der Norina, welche erfrischend verspielt, frech, selbstbewußt und weiblich-sinnlich klingt – im Gegensatz zu den zahlreichen anderen zu leicht gewichtig, klebrig honigsüß und soubrettig klingenden Rollenvertreterinnen bzw. lieblosen Standardbesetzungen…

 

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(c) BMG / RCA Eurodisc